Joey Schmidt-Muller

Visual Artist

 

 

DER ENTFESSELTE PROMETHEUS

 

 

Paraphrasen zu Bildern von Joey Schmidt-Muller anlässlich der Ausstellung - Das Kunstspektakel – oder die ewige Suche nach dem Sinn des Lebens

 

 

Kunst hat kein Thema.

 

Oder alle Themen auf einmal. Sie beschäftigt sich mit sich selbst. Sie kreist um ihre eigenen Möglichkeiten und stößt an ihre eigenen Grenzen. Die Kunst ist ein spielendes Kind (nicht nur der Künstler). Formen und Farben, Prismen und Perspektiven ruhen in ihrer wundervollen Eigenart und ihrer Autonomie. Sie suchen sich, sie stoßen sich ab. Sie tanzen und kämpfen, tauchen ab und fliegen. Sie kümmern sich nicht um uns. Und doch: Das Bild, das, gerahmt und mit Wasserwaage justiert, an der Wand hängt, ist einsam. Es leidet. Es wartet auf den Betrachter, auf das Gegenüber, den Augenliebhaber, auf die Begegnung des Bildes mit dem Blick dessen, der nicht nur sehen, sondern im besten Falle „schauen“ kann.

 

 

 

Natürlich hat Kunst auch „Themen“, Sujets, konkrete Ausgangs- und Ankerpunkte, an denen das Bild sich und uns festmacht. Was wir hier sehen, ist konkreter als uns lieb sein kann. Die Kunst kartographiert das Selbst – nicht das „Ich“. Auch die Abwesenheit des Menschen in der sog. „abstrakten“ Kunst ist eine Aussage über das Menschliche. Kunst sucht also nach dem „höheren Ich“ jenseits des Spiegels und der subjektiven Selbstbespiegelung. Sie ist das Medium der Transformation. Der Weg der Rettung. Für den Künstler der einzige Weg. Und die Rettung bleibt dennoch ungewiss.

 

 

 

Welche Themen kommen uns in den Bildern Joey Schmidt-Mullers entgegen? Die Sinne. Die Sinnlichkeit. Der Schmerz. Die Freude. Die Lust. Der Wahnsinn. Das Warten. Das Gefangensein. Das Sich-Befreien. Das Stummsein. Das Schreien. Die im Ausstellungstitel angespielte „ewige Suche nach dem Sinn des Lebens“ setzt unser Einverständnis voraus, dass wir den „Sinn“ nicht finden werden. Jedenfalls nicht als eindimensionale Antwort, mit der sich alle anderen Fragen erledigt hätten. Wäre der Schleier gänzlich gelüftet – wir würden es nicht ertragen!

 

 

 

Joey Schmidt-Muller findet seine Wege zum Sinn und zu seinem Blick auf die Welt in den eigenen Schmerzerfahrungen. Sein mythologisches Gegenüber ist der gefesselte Prometheus, der von Zeus an den Felsen des Kaukasus geschmiedete Rebell, der den Menschen das Feuer (und damit die Zivilisation) gebracht hat. Dafür soll er büßen! Jeden Tag kommt ein Adler und frisst an seiner Leber (seinem Leben!). Jede Nacht wächst die Wunde wieder zu. Die Götter sind nicht gerecht. Sie sind launenhaft, sadistisch, brutal. Sie erheben und zerstören. Einzelfallentscheidungen, ausgeführt von höheren Angestellten, den Moiren. Schicksalhaftes. Willkür.

 

Aber immerhin Kür.

 

 

 

Joey Schmidt-Mullers Bilder sind eine Zumutung.

 

Was könnte sonst als Kompliment taugen? Der Schmerz, die Folter, die Albträume und Ängste, die uns in diesen gequälten Kreaturen entgegenschreien, lösen etwas in uns aus. Lösen überhaupt etwas. Das Aushalten dieser Zumutung mündet eine überraschende Ermutigung. In diesem Sinne ist Joey Schmidt-Muller auch ein Entfesselungs-künstler. „Der Mensch ist frei, und wär’ er in Ketten geboren“, sagt Schiller ... Prometheus unchained. Doch wir zahlen für die Freiheit immer einen Preis. Den Preis der Selbst-Verantwortung. An diesem kaukasischen Felsblock lassen uns die Körper und Figuren in Joey Schmidt-Mullers Bildern und Zeichnungen nicht vorbei.

 

 

 

Der entfesselte Prometheus schleppt seine Kette scheppernd durch die Welt. Sie rasselt, klirrt.

 

 

 

Können Sie es hören?

 

 

 

 

 

 

 

Wernfried Hübschmann

 

 

 


 

Die Reformation zwischen Farbe und Form

 

Bilder und Objekte sind ein Spiegel unserer Zeit und haben nichts mit den Schönheitsvorstellungen einer historischen Ästhetik zu tun, die auf Überwältigung des Betrachters abzielen und keinen Raum zur Mitsprache lassen. Sie haben nichts Tröstliches, entblößen das Gesicht hinter der Maske, wie ein melancholisches Monument menschlicher Verlorenheit, auf der Suche nach der Durchlässigkeit, durch die sie den Betrachter zugleich in sich hineinlassen und von ihm handeln, der absoluten Wahrheit jenseits aller Relativität.