White Cube 2015


White Cube - a transitory thinking space
Interface between society and contemporary art

 

White Cube - ein transitorischer Denkraum

Schnittstelle zwischen Gesellschaft und aktueller Kunst

From the need to pool synergies and thereby appeal to a broad, art-interested audience, the artist group White Cube & White Cube reloaded was born after an idea by Joey Schmidt-Muller, 2014/15. Various artists joined the group for a short time. After the first joint exhibition it was clear that they could not meet the requirements in artistic terms. Today, white cube reloaded consists of the poet and essayist Wernfried Hübschmann and Joey Schmidt-Muller. Until today, several joint projects have been successfully completed.

 

Aus dem Bedürfnis, Synergien zu bündeln und dadurch ein breites, kunstinteressiertes  Publikum anzusprechen, entstand nach einer Idee von Joey Schmidt-Muller, 2014/15, die Künstlergruppe White Cube & White Cube reloaded

The manifest - building blocks for a cube

If you want to build a cube, you must either roll the dice or puzzle. Or build. The dice, of course, did not work out. We are always struck by coincidence, where planned action should be fanned out. Occasionally, the music of chance is appealing, such as when myriads of water droplets tumble from Niagara, at noon, in the back light. But, take it all in all: It is enough if life follows the moody aleatory. The art, our queen, may secretly steal away from this principle, preferably in the dark. Only the most careful with their night vision devices will notice it.


But already the prince is in a mess again. Because the planning or even the execution of plans is not his thing. He loves to undermine himself (his principles, the drunken scoundrels), and indeed to submerge him like a torrent in the summer, which makes the bridge shake. His subversive and unpredictable behavior confuses domestic workers and local politicians alike. Not to mention the horror of the pharmacists, who rely so much on reliability!

If we graciously want to understand "building" in the broadest sense as "making," we have several options again. We can cut, carve, scrape, grind and polish the cube out of a log. A technically challenging task! Then we can use a special tool to add the pits for the numbers 1-6 and mark them with color. Or, in one of those shabby workshops on the outskirts of the city, we conjure up the target product made of polymer foam. With the accompanying air pollution we would have to live. Or we take paper, glue, strings on cloudy autumn afternoons. And felt-tip pens for numerical decoration.

Maybe it's all a bother. Maybe the magic cube is just a prayer for the blind and beggars -

Okay ... we'll do it differently, tie up any number of red balloons on a string, knit a double helix that floods the room and roams around in search of a counterpart, shouting loudly (turning left and right twice three times): The red balloon is dead - long live the red balloon! The balloonist is our king! And only from this powerful breeze rises the quaint root and flutters up into the piled up clouds. That's right.

And yet, where is the cube? Is he real? Is he empty? Is it only in our twisted brains? No: in our well-organized hearts, the noble figure arises. The cube is the sum of its throws. And when the meadow we are playing on is downhill, we jump and jump down the slope, greet the doubled Lenz and the triple Georg and sing frivolous songs.

Because God does not dice. And a god that does not exist certainly has no reason to roll the dice. It would be interpreted badly.

So we are happy and get out of the white cube, this Trojan cube!


Each one chooses a digit as an exit and laughs one and shakes the dust off his shoulders.

And loudly, I call out to friends from a lofty height:

"I'm a flying fox, I'm not a runaway cube."

 

 Das Manifest - Bausteine für einen Würfel

 

Wer einen Würfel bauen will, muss entweder würfeln oder tüfteln. Oder bauen. Das Würfeln freilich hat sich nicht bewährt. Immer kommt uns der Zufall dazwischen, wo doch planvolles Tun herangefächelt werden soll. Bisweilen ist die Musik des Zufalls reizvoll, etwa wenn Myriaden Wassertröpfchen sich vom Niagara stürzen, mittags, im Gegenlicht. Doch, nehmt alles nur in allem: Es genügt völlig, wenn schon das Leben der launischen Aleatorik folgt. Die Kunst, unsere Königin, möge sich von diesem Prinzip heimlich davonstehlen, vorzugsweise im Dunkeln. Nur die besonders Vorsichtigen mit ihren Nachtsichtgeräten werden es bemerken.

 

Doch schon sitzt der Prinz erneut in einer Patsche. Denn das Planen oder gar das Ausführen von Plänen ist seine Sache nicht. Er liebt es, sich selbst (seine Prinzipien, die betrunkenen Halunken) zu unterlaufen, ja zu unterspülen wie ein Sturzbach im Sommer, der die Brücke ins Wanken bringt. Sein subversives und unberechenbares Handeln verwirrt Hausangestellte und Kommunalpolitiker gleichermaßen. Ganz zu schweigen vom Entsetzen der Apotheker, die doch so sehr auf Verlässlichkeit bauen! 

 

Wenn wir gnädigerweise also „Bauen“ im weitesten Sinne als „Herstellen“ verstehen wollen, haben wir erneut mehrere Möglichkeiten. Wir können den Würfel aus einem Holzstamm schneiden, schnitzen, schaben, schleifen und polieren. Eine handwerklich anspruchsvolle Aufgabe! Dann können wir mit einem Spezialwerkzeug die Vertiefungen für die Ziffern 1-6 hinzufügen und mit Farbe markieren. Oder wir lassen in einer jener schäbigen Werkstätten am Rande der Stadt das Zielprodukt aus polymerem Schaumstoff zaubern. Mit der einhergehenden Luftverpestung würden wir leben müssen. Oder wir nehmen wie Schüler an trüben Herbstnachmittagen Papier, Klebstoff, Schnüre. Und Filzstifte zur numerischen Verzierung. 

 

Vielleicht ist das alles vergebne Liebesmüh. Vielleicht ist der Zauberwürfel nur ein Gebet für Blinde und Bettler -

 

Gut … Wir gehen anders vor, knüpfen eine beliebige Zahl roter Luftballons auf eine Schnur, stricken eine Doppelhelix, die den Raum durchflutet und durchstreift auf der Suche nach einem Gegenüber und rufen laut (wobei wir uns dreimal links- und zweimal rechtsherum drehen müssen): Der rote Ballon ist tot - es lebe der rote Ballon! Der Ballonist sei unser König! Und allein von diesem kräftigen Lufthauch erhebt sich die wunderliche Wurzel und flattert hinauf in die hochauf gestapelten Wolken. So ist es recht.

 

Und doch: Wo ist dann der Würfel? Ist er real? Ist er leer? Gibt es ihn nur in unseren verwinkelten Hirnen? Nein: In unseren wohlorganisierten Herzen entsteht die noble Gestalt. Der Würfel ist die Summe seiner Würfe. Und wenn die Wiese, auf der wir uns tummeln, abschüssig sein sollte, dann tollen und springen wir den Abhang hinunter, grüßen den verdoppelten Lenz und den dreifachen Georg und singen frivole Lieder.

 

Denn Gott würfelt nicht. Und ein Gott, den es nicht gibt, hat erst recht keinen Grund zu würfeln. Es würde ihm übel ausgelegt.

 

So sind wir denn glücklich und entsteigen dem weißen Kubus, diesem trojanischen Würfel!

 

Ein jeder wählt eine Ziffer als Ausgang und lacht sich eins und schüttelt den Staub von den Schultern.

 

Und lauthals rufe ich den Freunden aus luftiger Höhe entgegen:

 

"Ich bin ein Flughund. Ich bin kein entlaufener Würfel."

 

Text © Wernfried Hübschmann