Natron 2017


"Natron"

 

A joint project with Anne Deifuß, objects, Wernfried Hübschmann, text.

Joey Schmidt-Muller, objekt the blue cube (Das Narrenschiff/The fool ship) & paintings.

 

"natron" aims to lead the viewer through a reminder search and to change the perception of our present time.

     Exhibition at the Gallery Kunsttiegel, Unna, DE

June 2017

 

Our first joint "natron" exhibition took place at the Atelier / Galerie Kunsttiegel - Hellweg 31-33 - on the site of the old Maschinenfabrik Breitenbach, in 59423 Unna. The works of fine art were accompanied by texts by my friend Wernfried Hübschmann, who moderated the exhibition and gave an insight into his latest poems.

 

Wernfried Hübschmann, Poet & Essayist, Member of "white cube reloaded"lives and works in the Hebeldorf Hausen, Wiesental (Südschwarzwald), DE

Email: w.huebschmann@inavigare.com   Website: http://wernfried-huebschmann.de


 

 

        ZUR PHÖNOMENOLOGIE EINES TRIEB- UND WUNDERMITTELS

 

Offen gestanden: Meine Erinnerungen an Natron sind ambiavalent.

Bei uns zuhause stand immer ein kleines Paket „Kaiser Natron“ im Schrank. Das salz-bitter schmeckende Pulver kam zu Einsatz, aufgelöst in einem Glas Wasser, wenn ich mir den Magen verdorben hatte oder durch Sodbrennen ein innerer burn-out drohte. Man musste dann erstmal kräftig aufstoßen, scheußlich. Meistens kam nur Luft, manchmals auch mehr als das ans trübe Tageslicht.

 

Andererseits: Welcher Kaiser war gemeint? Der von China? Willem Zwo in Doorn? Oder der aalglatte Herr aus der Versicherungswerbung? Hallo, Herr Kaiser! Ich habe es nie ergründen können. Noch heute denke ich, wenn mein Magen zum TÜV muss, gleichsam gedankenmagnetisch an Natron, das man wegen seiner kristallinen Pulverform so leicht mit weit fataleren und schädlicheren Produkten aus dem Sortiment bewusstseins-erweiternder Drogen verwechseln könnte.

 

Andererseits: Wenn man das Wort französisch ausspricht – natrón - , gewinnt es ungeahnte Eleganz und klingt nach le patron, dem Herrn des Hauses oder dem Namen des neuen Präsidenten.

 

Die chemische Formel für Natron lautet NaHCO3.

Natriumhydrogencarbonat.

Eine Sehnsuchtsformel.

Ein Welterklärungsmode.

Natron. Natriumbicarbonat. Speisesoda. Backsoda.

Besonders einladend die Applikation als Bullreich-Salz.

Bullreich-Salz verleiht Flügel!

 

Das Wort Natron hat seinen Ursprung im Ägyptischen, der Wortstamm „ntrj“ bedeutet „göttlich“ und wurde über Jahrtausende auf heilige Gegenstände und Stoffen angewendet sowie bei der Mumifizierung. Und: „Salz auf unserer Haut“ – war das nicht dieser altägyyptische Erotikthriller? Meerluft, Schweiß und Salz und epische Orgasmen am nächtlichen Strand – nicht so übel. Ja, Natron ist ein Triebmittel, jetzt ist auch das geklärt. Hieß es nicht „Bi-Carbonat“?

 

Ich möchte Ihnen nicht die Poesie der schieren Faktizität vorenthalten.

Ein im Internet zugänglicher Fachartikel listet 52 Anwendungen des Wunderpulvers auf. Hier ein paar ausgewählte Beispiele:

 

Natron als Deodorant ohne Aluminium!

Natron als Shampoo-Ersatz für die Haare!

Natron zum Zähneputzen – wunderbar!

Natron in selbstgemachter Mundspülung!

Natron als Zahnaufheller – herrlich sexy!

Natron in pflegenden Badepralinen!

Schweißfüße mit Natron behandel

Natron als Allzweck-Reiniger!

Natron in Scheuerpulver und Scheuermilch!

Natron als Pulver für den Geschirrspüler! Mit wenigen Zutaten kannst du dein eigenes 

Gerüche aus Kleidung beseitigen mit Natron!

Raumsprays mit Natron herstellen!

Verstopfte Abflüsse mit Natron und Essig reinigen!

 

Mit Natron und Puderzucker Ameisen vertreiben! Wenn du Ameisen im Haus, auf dem Balkon oder der Terrasse entdeckt hast, kann dir eine einfache Mischung aus Natron und Puderzucker helfen. Mische die beiden Pulver einfach in gleichen Mengen und streue es in den betroffenen Bereichen aus.

 

Gegen den Kater nach einer langen Nacht!

Obst und Gemüse reinigen!

Eier immer perfekt schälen!

Lebensmittel entsäuern!

Natron als Kammerjäger! Bei Kakerlakenbefall hilft es, Natron mit Puderzucker 1:1 zu mischen und am Problemherd auszustreuen.

Natron für bessere Malkreide!

 

Soviel Alltagstauglichkeit und Bodenständigkeit hätten Sie vermutlich im Zusammenhang von moderner Kunst nicht erwartet.

Fragen wir uns also, warum diese Ausstellung diesen Namen trägt.

 

Anne Deifuß notiert: „Natron wirkt zerstörend und/oder auflösend. Je nach Konzentration ist es heilsam oder zersetzend, wie die Worte, wie unser Handeln, wie unsere Taten.“

 

Auf diese Weise ist unvermittelt ein metaphysischer Aspekt präsent, der den Objekten erst eine spezifische Bedeutung verleiht, einen Kontext. Die Dekonstruktion der Büchern ist zugleich die Konstruktion eines neuen Sinns, den Anne Deifuß in ihren Objekten und Reliefbildern zugleich verbirgt, man könnte auch sagen: rettet.

 

Die Zusammenarbeit mit Joey Schmidt-Muller geschieht im Wortsinne auf Augenhöhe. Die Konzepte und Arbeitsweisen der beiden Künstler sind grundverschieden und haben dennoch viel gemeinsam. Schmidt-Muller vertieft und verbeißt sich ins gegenständliche Detail und treibt den Naturalismus über sich hinaus. Die verwirrende Vielzahl und Vielfalt in seinen großformatigen Bildern „Zeitstau I und II“ bleibt nicht statisch, sondern entwickelt einen starken, bisweilen schmerzhaften Sog – eine Art „Sogbrennen“, das den Betrachter fesselt und mit seinen inneren Abgründen konfrontiert.

 

Das Pendel schlägt bei beiden Künstlern zwischen Offenheit und Verschlossenheit, zwischen Verbergen und Entdecken, zwischen Konstruktion und Dekonstruktion, die viele gleichberechtigte Lesarten nebeneinander zulässt.

 

Und Natron, das Wundermittel, der Abflussreiniger, die Scheuermilch, die Malkreide?

 

Eine wunderbare und wundersame Metapher, das Salz in der Suppe, das Salz auf unserer Haut und in unseren Augen, das Salz der Erde. Der Schmerz, den die Kunst verursacht, ist die Voraussetzung für das Glück des Sehens.

 

© 2017 by Wernfried Hübschmann


DIE BLINDHEIT DER BLICKE

Zur Schubumkehr des Sehens in der Kunst

 

Geht es nicht um diesen einen, einzigen Augenblick?

Wenn ich nicht mehr sehe, nicht mehr das sezierende Auge Ausschau hält nach Farben und Formen, Objekten und Opfern, dem, was betrachtet werden kann, erfasst, vereinnahmt, von begierigen Blicken zerrissen und zerschlissen bis zur Unkenntlichkeit. Da ist die Welt des Außen, ein Abgesandter des Innen organisiert sich die Landschaft, legt sich die Straßen und Städte zurecht, ordnet, justiert, zielt und drückt ab. Sehen ist ein aggressiver Akt, eine Bemächtigung, eine Eroberung, eine Unterwerfung der Welt. Blicke sind Pfeile. Sie können treffen und töten, sie können ins Leere gehen oder ins Schwarze. Sie sind, einmal abgefeuert, nicht wieder einzufangen, sie kommen nicht mehr zurück. Das Sehen ist ein Kampf und manchmal ein Krieg, den unsere Augen führen gegen die anbrandende Welt, und irgendwann sind wir müde vom Schauen und unser Köcher ist leer und wir stehen verwaist auf der Klippe und sehen das Meer und den Dampf und die Gischt und dann nichts mehr ... und dann!

 

Dann, vielleicht, wenn wir nur lange genug auf einen Punkt starren und ihn bannen oder das Winken der Blätter, wenn ein lauer Wind weht und die heimliche Agogik des Baumes (es ist eine Pappel), der Tanz der Einzelheiten unsere Willenskraft schwächt und die Fülle verschwimmt, wenn eine innere Richtinstanz schließlich aufgibt und sich hingibt dem, was uns umgibt, dann sehen wir nicht mehr, sondern werden gesehen, oder angeschaut und getroffen, sind angeschossen und taumeln wie ein waidwundes Tier und lecken die nässende Wunde, zu nichts mehr fähig als zur Vertiefung des Augenblicks im Blick eines Auges, das unsichtbar ist. Dann ist das Weiße im Auge die weiße Fahne des Kriegers, das Signal zum Ende des ungleichen Kampfes, und auf dem Schlachtfeld bleiben die Dinge zurück, zerstückt und zerstückelt, unbegriffene Fragmente des Fremden.

 

Dies ist die Schubumkehr des Sehens, heimlich erhofft und gefürchtet zugleich, denn sie bedeutet den Sturz in die Tiefe von den Klippen des Ichs, aus Fragmenten der Identität aufgeschichtete Quader und Brocken. Was folgt, ist der Fall. Sagte Wittgenstein nicht, die Welt sei, was „der Fall ist“? Aber dies ist ein anderer Fall durch eine andere Luft, weil das, was bisher gesehen wurde, nun dich anblickt und durchbohrt. Die Schubumkehr der Blicke führt dazu, dass du auf einmal die Fläche bist, preisgegeben als Zielscheibe allem, was bisher ein Außen war. Nun musst du loslassen, fliegen, und geschehen lassen, was ohnehin geschieht im Schauen und in der unbewussten Verschmelzung, und du weißt nicht, als wer du wieder auftauchst aus dem Schaum und ob das Schöne dich leben lässt und gelassen verschmäht, dich zu zerstören.

 

Du wirst erkannt, und das ist lustvoll und schmerzlich zugleich, „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“. Ein Gott will dich prüfen, und das, was gesehen und betrachtet wurde (was „Welt“ war), sieht nun dich an und hält die Luft in der Schwebe. Die Aufgabe des Auges ist, dass es aufgibt. Dass es dem Außen die Pforten öffnet ohne trojanisches Pferd. Der „Archaische Torso Apollos“ in Rilkes Gedicht sieht alles und alles an ihm ist Auge, obwohl und weil ihm das Haupt fehlt und mithin die Augen. Aber sie werden ergänzt in der archaischen Form, ein schauendes, fragendes Beispiel, ohne lebendigen Blick und ohne Arme auch und ohne Geschlecht und dennoch wirklicher, heftiger als das Alltagsbekannte und auf einmal ist dir alles Menschliche fremd, denn der Pfeil des Apollon hat dich durchbohrt. Diese Blindheit des Blicks ist der Schock der Erkenntnis, das andere Sehen um den Preis der eigenen Augen. Der Augenzeuge dieses Geschehens heißt in der griechischen Mythologie Teiresias, erblindet, um wirklich zu sehen.

 

„Du musst dein Leben ändern“, lautet der stumme Aufruf der Kunst, der keinen Widerspruch duldet, des Bildes, der Skulptur. Du hast es schon geändert, hast beigedreht und schon Richtung genommen auf neues Gelände. Hast dich gefügt ins Unausweichliche, ohne zu wissen, was es ist und welche Schritte vonnöten sind. Du siehst nun anders und neu und der Himmel reißt auf, auch wenn der Blick noch verhangen ist von Schlieren und Schatten und die Gischt unter dir sich entfernt, als sei sie Teil einer Wolke.

 

© 2017 by Wernfried Hübschmann


Text on the Poster © Wernfried Hübschmann. Cube & Paintings © Joey Schmidt-Muller. Objects © Anne Deifuss.Fotos © Joey Schmidt-Muller.

Das Urheberrecht (Copyright) für den Inhalt dieser Natron-Seite, insbesondere die Bezeichnung: "natron" im Zusammenhang mit und für die Kunst-(objekte)-projekte, liegt bei Anne Deifuß & Joey Schmidt-Muller.